{"id":931,"date":"2016-11-30T19:49:32","date_gmt":"2016-11-30T19:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theaternetz.jpbw.de\/?p=931"},"modified":"2016-11-30T19:49:32","modified_gmt":"2016-11-30T19:49:32","slug":"odin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/2016\/11\/30\/odin\/","title":{"rendered":"Odin"},"content":{"rendered":"<p>Alles hat ein Ende. Schenkt man den Nornen, den Orakeln des Nordens Glaube, werden die G\u00f6tter in einem erbitterten Kampf mit den Riesen allem ein Ende setzen, die Welten verbrennen und alles da gewesene dem Erdboden gleichmachen. Doch jedes Ende hat auch einen Anfang und wir befinden uns schlie\u00dflich erst in den ersten paar Minuten des St\u00fcckes \u201eOdin\u201c (Regie: Markus Joss) im Zentrum f\u00fcr Figuren Theater Stuttgart, welches uns verspricht, die gesamte Geschichte der G\u00f6tter Asgards zu erz\u00e4hlen.<!--more-->Erz\u00e4hlen ist in diesem Falle das gro\u00dfe Stichwort. In einer Theaterszene wo jedes St\u00fcck mit einer F\u00fclle an Metaphern, gesellschaftskritischen Denkanst\u00f6\u00dfen und politischen Meinungen gespickt ist, erschleicht einen manchmal die Sehnsucht nach dem, was Theater in seiner destillierten Form ist: Das Erz\u00e4hlen von Geschichten. Und im Bereich der Sagen und Geschichten f\u00fchrt fast kein Weg an der Sammlung von Sagen um die Asen und Riesen des hohen Nordens, der Edda von dem isl\u00e4ndischen Snorri Snurluson, vorbei.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne, auf welcher diese g\u00f6ttliche Kom\u00f6die vonstattengeht, und die G\u00f6tter ihr Unwesen treiben, besteht aus einer einfachen, von mit Requisiten beladenen Tischen umgebenen, Plexiglasplatte, welche die Erz\u00e4hlerinnen (Susanne Olbrich und Stephanie Rinke) und ihre Puppeng\u00f6tter mit einem rasanten Austausch an Figuren und Charakteren bespielen. Die beiden schaffen es, jeder Figur deren Rolle sie annehmen einen eigenen, individuellen Anstrich zu verpassen und bieten dem Zuschauer dadurch trotz der minimalen Besetzung einen vielf\u00e4ltigen Pantheon mit vielerlei verschiedenen Eigenschaften und Makel, welche selbst die G\u00f6tter menschlich wirken lassen. Inmitten des ganzen Geschehens steht Odin, der Allvater, welcher sich, nachdem er mit seinen zwei Br\u00fcdern aus dem K\u00f6rper seines Vaters die Welt formte, zum K\u00f6nig der G\u00f6tter erkl\u00e4rt. Der Gott und ewige Sucher der Weisheit scheint eben diese jedoch nicht mit L\u00f6ffeln gegessen zu haben. Denn selbst nachdem unser werter Wotan von der Quelle der Weisheit trinkt, zeigt sich sein Entscheidungsverm\u00f6gen dadurch nicht gebessert und er stolpert, trinkt und k\u00e4mpft sich seinen Weg mit einer sympathisch d\u00fcmmlichen Haltung durch die Handlung.<\/p>\n<p>Die musikalische Untermalung von Tobias Duschke, aber vor allem die hervorragende Ger\u00e4uscharbeit von Max Bauer, welcher mit allerlei Requisiten live am Rande der B\u00fchne seine Ger\u00e4uscheffekte zugunsten kommen l\u00e4sst, passt sich dem Spiel der beiden Schauspielerinnen nahtlos an und verleiht dem St\u00fcck einen weiteren Zug des klassischen Genschichtenerz\u00e4hlens.<\/p>\n<p>Die Puppen welche die Hauptrollen f\u00fcllen sind allesamt mit einzigartigen, charakterunterstreichenden Z\u00fcgen versehen. So fehlt Odin zum Beispiel ein Auge und Loki, dem verr\u00e4terischen Halbgott, ist permanent eine Fratze des Misstrauens auf das Gesicht gezeichnet. Die Spielweise und Interaktion der Figuren miteinander und mit den Erz\u00e4hlerinnen wirkt organisch, ihre K\u00f6rperhaltungen immer Indikativ der Gef\u00fchlslage.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/odin34bearb.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-934\" src=\"https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/odin34bearb-300x169.jpg\" alt=\"odin34bearb\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/odin34bearb-300x169.jpg 300w, https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/odin34bearb-1024x575.jpg 1024w, https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/odin34bearb-768x432.jpg 768w, https:\/\/jpbw.de\/theaternetzarchiv\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/odin34bearb.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Selbst die Erz\u00e4hlerinnen k\u00f6nnen sich den g\u00f6ttlichen Machenschaften und Intrigen nicht entziehen und werden oft in die Handlung mit einbezogen und liefern den G\u00f6ttern Informationen oder unterhalten sich auf einer Ebene mit ihnen. Diese Metaebene zeigt sich auch in der Interaktion der Figuren mit B\u00fchnenelementen und Requisiten auf unkonventionelle und aktuelle Art, welche das St\u00fcck mit einer guten Dosis Humor versieht. So kommt Odin zum Beispiel die Idee f\u00fcr das Reich der toten Krieger \u201eWalhall\u201c beim gemeinsamen rauchen eines Joints, Odin und Loki treffen sich regelm\u00e4\u00dfig auf ein Feierabendbierchen und Odins Sohn Baldur macht Bemerkungen \u00fcber das merkw\u00fcrdige Schild, welches die Zuschauer zum Notausgang weist. Trotzdem kann das St\u00fcck seinen inh\u00e4renten Ernst und das Gef\u00fchl \u00fcber das drohende Ende der Welt beibehalten, bis es schlie\u00dflich, mit einem hilflosen Gott, dessen Menschlichkeit nun durch seine Machtlosigkeit nur noch deutlicher gemacht wird, alles zum tragischen Ende kommt, nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern.<\/p>\n<p><em>Text: Jan Schneider<\/em><br \/>\n<em>Bildrechte: FITZ Stuttgart<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles hat ein Ende. Schenkt man den Nornen, den Orakeln des Nordens Glaube, werden die G\u00f6tter in einem erbitterten Kampf mit den Riesen allem ein Ende setzen, die Welten verbrennen und alles da gewesene dem Erdboden gleichmachen. 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